Vielen Dank für das Leben
Toto wird 1966 in der DDR geboren, ein Mensch ohne klares Geschlecht. Das macht ihn/sie zum Außenseiter. Schon im Waisenhaus wird er/sie misstrauisch beäugt, nur mit Kasimir gibt es ein zartes Anfreunden. Nach dem Schulabschluss möchte Toto Sänger
werden. Doch sein kreatürlicher Gesang weckt ungewohnte Emotionen und verstört die Zuhörer. Toto werden immer mehr Steine in den Weg gelegt, doch er/sie reagiert nicht nachtragend, sondern kümmert sich mit Hingabe um die Mitmenschen, begleitet ein krebskrankes Kind und die Alten im Sterbezimmer. - Sibylle Berg, die 2008 mit dem Wolfgang-Koeppen-Preis ausgezeichnet wurde, erzählt hier die anrührende Biografie eines Menschen, der "anders" ist. Gleichzeitig liefert sie eine beißende Gesellschaftssatire der beiden deutschen Staaten, die sie bis zum Jahr 2030 weiterdenkt, dem Jahr, in dem Toto stirbt. Großartig auch, wie sie immer wieder die Innensicht von Personen einflicht, deren Lebensverständnis dazu führt, Toto zu attackieren. Jeder kennt solche Leute oder kann vielleicht selbst insgeheim diese Argumentationen nachvollziehen. Das macht Sibylle Bergs zynische Gesellschaftsanalyse so treffsicher und unbedingt lesenswert.
Karin Blank
rezensiert für den Borromäusverein.
Vielen Dank für das Leben
Sibylle Berg
Hanser (2012)
400 S.
fest geb.