Oben das Feuer, unten der Berg
Eine Frau resümiert ihr Leben: als kleines Mädchen wurde sie ihren Eltern weggenommen, weil diese dem DDR-Regime nicht genehm waren, und an Pflegeeltern gegeben. Erst als Erwachsene erfährt sie davon. Als Historikerin recherchiert sie die Hintergründe
und stößt auf Abgründe. Ein Kommissar untersucht das Verschwinden einer Frau. Mehrere Mordfälle deuten auf einen Serientäter, der auch hier am Werk sein könnte. - Der Leser wird hineingeworfen in eine zunächst verworren erscheinende Geschichte. In einem endlos scheinenden inneren Monolog erzählt Theresa, wie das Schicksal ihr mitgespielt hat, Vergangenes und Gegenwärtiges sind dabei manchmal nur schwer unterscheidbar. Um sich über den Text hinausgehend auszudrücken, bedient sich der Autor einer sehr eigenwilligen Rechtschreibung und Zeichensetzung. Dies hemmt den Lesefluss und lässt immer wieder stutzen (noie statt neue, windsig statt winzig, wexeln statt wechseln) - was der Sinn der Sache ist, die Leser sollen aufmerksam bleiben. Auch die Bedeutung der eingefügten Interpunktionen, Gleichheitszeichen und Zahlen erschließt sich dem Leser nicht umgehend: "Die Arbeit u ich, wir=gehörten=zusammen. Liefen über alle Hindernisse hinweg-ein Lauf wie mein Leben=davor:spurschnell&im Hohenmittag stand Diesonne der Begünstigung&meiner=Erfolge" (S. 34) oder: "Der gesamte Ort sank langsam im=Schnee u dem grauen Tagesschummern wie in einer Talsenke verlornen Mutes ein-.-Aber ich, ich spürte Es immer noch, sogar stärker=jetzt als im-Zug: Densog von 1=bestimmten Ort herkommend, an !mich gerichtet - Dorthin, ins=Zentrum Diesessogs, hatte ich zu gehen." (S. 22). Darüber hinaus erfordert der Wechsel zwischen Theresas Erzählen und dem des ermittelnden Kommissars im fließenden Text und ohne erkennbaren Übergang große Aufmerksamkeit und genaues Hinhören. Ein seltsamer, aber auch wortgewaltiger Roman, über eine düstere Hinterlassenschaft der DDR, der seine Stärken besonders in den eindringlichen und bedrückenden Szenen ausspielt. Eher für ausgebaute Bestände und für literarisch besonders interessiertes Publikum.
Ulrike Braeckevelt
rezensiert für den Borromäusverein.
Oben das Feuer, unten der Berg
Reinhard Jirgl
Hanser (2016)
283 S.
fest geb.