Sehen wir uns noch?
Der polnische Autor, Verleger und Übersetzer Ryszard Krynicki wurde 1943 im österreichischen Lager Windberg geboren. Der Lebensanfang in Unfreiheit hat seinen literarischen Weg bestimmt. Seine Gedichte sind Stimme des Gewissens, Ausdruck der Unbehaustheit,
Tänze auf dem Vulkan der Zeit. Wie sein Landsmann Adam Zagajewski hat Krynicki sich in den 1970er und 1980er Jahren gegen die polnische Diktatur zu Wort gemeldet. Das hatte seinen Preis. Sein erster Lyrikband "Jagdtrieb, Fluchttrieb" (1968) erschien stark zensiert. Leider ist dieser Band nicht in der ansonsten vorzüglich komponierten Auswahl in der Reihe "Lyrikkabinett" enthalten. Dafür aber eine stattliche Zahl von Gedichten, die in den darauf folgenden Bänden "Geburtsurkunde" (1969) bis "Stein, Rauhreif" (2004) erschienen sind, dazu einige neuere Texte. Sie geben einen Einblick in die hellsichtige Schreibweise des Dichters, der weiß, dass selbst gute Gedichte den Diktator nicht bekehren können, aber dennoch nicht aufhört, die Faszination von Mensch und Glauben, Politik und Städten, Literatur und Lesen in kurze, haikuartige Verse zu bringen. Überhaupt ist diese "Kunst der Fuge auf begrenztem Raum" eines der markanten Merkmale in Krynickis Gedichten, die von Karl Dedecius, Esther Kinsky und Renate Schmidgall feinsinnig ins Deutsche übersetzt worden sind.
Michael Braun
rezensiert für den Borromäusverein.
Sehen wir uns noch?
Ryszard Krynicki
Hanser (2017)
Edition Lyrik Kabinett ; 38
162 S.
fest geb..