Die Verteidigung
300 Zeugen, mehr als 9.000 Dokumente, 39.000 Seiten Beweismaterial - 50 Regalmeter (S. 234): Das ist das umfangreiche Material der Nürnberger Prozesse gegen (u.a.) Ernst von Weizäcker 1947, der zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt wird. Das Strafmaß
wird verringert, 1950 erfolgt die Freilassung durch den US-Hochkommissar nach einem Gnadengesuch durch Bundespräsident Heuss. Der Roman umfasst das Jahr des Prozesses in Nürnberg, Hellmut Becker ist der Verteidiger, unterstützt auf Wunsch von Ernst von Weizäcker von seinem Sohn Richard, Jurastudent. Dieser sammelt und bearbeitet die Dokumente, die zur Verteidigung herangezogen werden können. Durch Rückblicke erfährt der/die Leser/-in auch von der Familie, der Arbeit von Ernst von Weizäcker im Außenamt, im Vatikan, etwas über die Ankläger und Richter sowie die Atmosphäre im Sitzungssaal mit den weiteren Angeklagten. Ernst von Weizäcker versteht sich als Widerstandskämpfer im Geheimen, der deshalb auf seinem Posten als Beamter ausgeharrt hat. „Wie kann er gleichzeitig todesmutiger Widerstandskämpfer und machtloser Beamter gewesen sein?“ (S. 119) fragt sich sein Sohn. Der Roman ist sehr gut, aber nicht leicht zu lesen. Der auktoriale Erzähler nimmt im Gerichtssaal immer wieder Richards Perspektive ein, lässt an seinen Gedanken und Beobachtungen teilhaben. Der Sohn, der seinen Vater zu verstehen sucht, der ihn verteidigen will, ihn aber oft nicht versteht und sich schämt. Da auch die Leser/-innen mit den echten Dokumenten, den echten Aussagen von Ernst von Weizäcker konfrontiert werden, sind alle Überlegungen, alle Zweifel, auch diese Scham, die Schley dem Sohn zuordnet, nachvollziehbar. „Als Kempner (der Ankläger) den Vater einmal fragte, wie er diese ´Mordsachen´ bloß mitzeichnen konnte, hat er geantwortet: Ich bezeichne sie nicht so. Statt von Ermordung der Juden sprach er von ´Eingriff in ihr Leben´“ (S. 231). Der Roman packt und erschüttert durch den Blick auf die Haltung in Politik und Gericht nach 1945 mit Hilfe der Verbindung der echten Dokumente und echten Aussagen von Ernst von Weizäcker mit den fiktiven Gedanken des Sohnes.
Barbara Schürmann-Preußler
rezensiert für den Borromäusverein.
Die Verteidigung
Fridolin Schley
Hanser Berlin (2021)
268 Seiten
fest geb.