Mute
Bis zu dem Tag, an dem die Eltern verhaftet werden, gelten die Simwes als Vorzeigefamilie, in der neben der leiblichen Tochter drei Adoptivkinder leben, die alle vom im Biotech-Bereich arbeitenden Vater und der als Ärztin praktizierenden Mutter überaus
stark gefördert werden. Aus der Perspektive der 16-jährigen Espe, die wie ihre Geschwister nichts über die Hintergründe der Verhaftung weiß, und mit Einschüben von Interviews und Tagebuchnotizen erzählt der Autor von den psychischen Folgen dieses brutalen Endes eines scheinbaren Familienidylls. Weil keines der Adoptivkinder sich an die Zeit vor der Adoption erinnern kann, sie alle aber immer wieder von quälenden Flashbacks heimgesucht werden, steht schnell der Verdacht im Raum, dass die Eltern sich nicht nur wegen Kindesentführung verantworten müssen, sondern auch zweifelhafte Gehirnexperimente durchgeführt haben könnten, um ihren traumatisierten Kindern zu helfen. Psychologisch eindrucksvoll schildert Elsäßer, welche Folgen das systematische Verdrängen traumatisierender Erinnerungen auch dann haben kann, wenn es den Betroffenen Hilfe und Heilung bringen soll. Der anspruchsvolle Roman, der die Hintergründe des Geschehens bis kurz vor Schluss im Dunkeln lässt, fordert viel Aufmerksamkeit und die Bereitschaft, sich auf komplexe Zusammenhänge einzulassen, beeindruckt aber auch durch den Fokus auf die höchst unterschiedlichen Charaktere und Schicksale der Kinder und ihr Bemühen, an dieser erneuten emotionalen Ausnahmesituation nicht völlig zu zerbrechen.
Angelika Rockenbach
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Mute
Tobias Elsäßer
Hanser (2024)
299 Seiten
kt.