Die jüdische Wunde
"Mir geht es gar nicht um die großen Erzählungen, nicht um die Klärung von historischen oder theoretischen Begrifflichkeiten wie Totalitarismus, Faschismus, Kolonialismus, sondern um das konkrete jüdische und nicht-jüdische "Ich war dabei". Mit
diesen Worten umreißt Natan Sznaider (geb. 1954) das Anliegen seines Buches, in dem er sich überzeugend mit den seit der Aufklärung (Brüderlichkeit, Gleichheit) bestehenden und heute extrem aktuellen Problemen beschäftigt, wie Jüdinnen und Juden innerhalb der deutschen Gesellschaft ihre jüdische Identität bewahren konnten und können bzw. ob sie dies überhaupt wollen und wie sie sich zwischen den konträren Polen von Assimilation und Selbstbehauptung bewegen bzw. wohin sie tendieren. Als beispielgebend für die beiden Sichtweisen greift der Autor einerseits auf Lessings Drama "Nathan der Weise" zurück ("Sind Christ und Jude eher Christ und Jude als Mensch") und andererseits auf einen Spiegel-Artikel von 2019 ("Jüdisches Leben in Deutschland"), der als optischen Aufhänger zwei orthodoxe jüdische Männer – aufgenommen 1928 – zeigt. Das jüdische Dilemma zwischen Assimilation (Anpassung, Universalismus) und Autonomie (Selbstbehauptung, Partikularismus), zwischen säkularer und religiöser Identität ist bis heute existent und belastet sowohl Israel als souveränen Staat als auch das jüdische Selbstverständnis weltweit. Ausführlich geht Sznaider auf beide Alternativen ein, verweist auf historische Geschehnisse (u.a. Holocaust, innere Emigration, documenta 15) und lässt verschiedene Personen (z.B. Heine, Gründgens, Kaléko) zu Wort kommen, insbesondere die Philosophin Hannah Arendt (1906-1975), die sich nachdrücklich gegen jede Form der Assimilation ausspricht, da sie das Ende der jüdischen Identität bedeute. Außerdem geht der Autor auf das Massaker vom 7. Oktober 2023 ein, das den Gegensatz von Universalismus und Partikularismus noch befeuert. – Keine einfache, aber eine hochinteressante Lektüre!
Inge Hagen
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Die jüdische Wunde
Natan Sznaider
Hanser (2024)
269 Seiten : Illustrationen
fest geb.