Die Holländerinnen

Eine „bedeutende Erzählerin“ ist die Hauptfigur in Dorothee Elmigers Roman. Sie ist jemand, die etwas zu erzählen hat. Das tut sie im Rahmen einer Poetikvorlesung, irgendwo in einer europäischen Metropole. Das Publikum, in das wir als Lesende Die Holländerinnen eingeschlossen sind, erfährt von höchst merkwürdigen Begebenheiten. Die Erzählerin sei vor drei Jahren unvermittelt von einem Theatermacher angerufen und eingeladen worden, an einem Projekt teilzunehmen. Dieses Vorhaben, das Rekonstruktion oder große Wiederholung genannt wird, ist nirgends genauer erklärt, auch nicht, ob es überhaupt für eine Bühne taugt. Dafür wird ausladend und einfädelnd erzählt: von der stationenreichen Reise der Erzählerin nach Südamerika und dann auf eine dicht beurwaldete Insel, von ihren Gesprächen dort mit den Mitgliedern des international und multikulturell zusammengewürfelten Ensembles, von den Geschichten, die die Mitspielenden erzählen oder zu hören bekommen: von Ziegen und Pferden, unglücklichen Ehen und Liebestragödien, von rätselhaften Holländerinnen, zwei Frauen, die im Dschungel verschollen sind, von den Dingen, die von ihnen bleiben, etwa Bilder. Doch auch die stiften keine Aufklärung. Beherrschend sind atmosphärische Zeichen, emotionale Irritationen, räumliche Verlagerungen, visuelle Täuschungen und Mutationen. Gerade diese Lücken im Erzähl-Flow lösen ein Unbehagen an solchen Geschichten aus, die auf den Tod zielen. Es wird an Philosophen erinnert, an Walter Benjamin zum Beispiel, der die Leser:innen zum Roman gezogen sieht, weil er darauf hoffe, sein „fröstelndes Leben“ an dem Tod, von dem er lese, zu wärmen. Unheimlich und doch faszinierend ist diese Story, die an Werner Herzogs Filme und an Joseph Conrads Romane erinnert: eine Reise ins Herz der Finsternis, ein Kampf zwischen Karneval und Fasten, Euphorie und Trauer. Spannend und düster erzählt. (Ausgezeichnet mit dem Deutschen Buchpreis 2025)

Michael Braun

Michael Braun

rezensiert für den Borromäusverein.

Die Holländerinnen

Die Holländerinnen

Dorothee Elmiger
Hanser (2025)

156 Seiten
fest geb.

MedienNr.: 622562
ISBN 978-3-446-28298-8
9783446282988
ca. 23,00 € Preis ohne Gewähr
Systematik: SL
Diesen Titel bei der ekz kaufen.