Wie heute glauben?
"Das Grundproblem des Christentums ist heute, dass es sich als Lehre darstellt, der Mensch aber von seiner individuellen Erfahrung her denkt.", schreibt Thomas Philipp. Die Kirchen hätten es versäumt, Lehre und individuelle Erfahrungen miteinander
ins Gespräch zu bringen. Daher erscheine das Christentum als eine Institution, die mit den Erfahrungen der Menschen von heute nichts zu tun habe. Philipp zeigt, wie sich die Erfahrungen der Menschen von heute und der christliche Glaube ins Gespräch bringen lassen. Er beginnt bei den Erfahrungen, die die meisten Menschen teilen: Hoffnung, Sehnsucht, Leiden und Tod. Gott beschreibt er als in dreifacher Weise - als Geheimnis, Geist und Gegenüber - in diesen Erfahrungen gegenwärtig. Geheimnis und Gegenüber seien wie zwei Hände, mit denen Gott nach dem Menschen greife, im Inneren erfahrbar als tiefe Sehnsucht und von außen als Begegnung mit einem Anderen. Den Geist beschreibt Philipp als Vermittler zwischen Innen- und Außenwelt, der dem Menschen helfe, den Wille Gottes zu erkennen. Mit "Gegenüber" meint er allerdings nicht nur die Mitmenschen und die Ansprüche der Gesellschaft, sondern auch das ursprüngliche Wort Gottes, Jesus Christus. Zu ihm erschließt er einen Zugang, indem er die Skepsis vieler Zeitgenossen aufgreift: Kann dieser Jesus überhaupt gelebt haben? Ist er nicht eine Projektion menschlicher Sehnsüchte? Schließlich zeigt Philipp, wie wichtig die Kirche als sichtbare Gemeinschaft und Institution für die Erfahrung der dreifachen Gegenwart Gottes ist. Dabei geht er auch auf die tiefe Krise ein, deren Ursache er als Folge einer schweren Kränkung durch die Moderne beschreibt. Selbst wenn man Philipps Diagnose zur Kirchenkrise nicht teilt: Sein Buch bietet einen zeitgemäßen Zugang zum Glauben, der die Erfahrungen der Menschen zum Ausgangspunkt der Suche nach Gott macht. Breit empfohlen! (Religiöses Buch des Monats Oktober 2010)
Christoph Holzapfel
rezensiert für den Borromäusverein.
Wie heute glauben?
Thomas Philipp
Herder (2010)
198 S. : Ill.
fest geb.
Auszeichnung: Religiöses Buch des Monats