Der blinde Fleck
80 Prozent der Deutschen nehmen an, ihre Vorfahren seien Gegner des Nationalsozialismus gewesen, nur 2 Prozent geben an, dass ihre Ahnen Anhänger des Regimes waren. Dass diese Einschätzungen falsch sein müssen, ist evident. Die Verstrickungen in
die Verbrechen im Dritten Reich sind bis heute in vielen Familien mit einem Tabu besetzt, es wurde und wird bis heute nicht darüber gesprochen und das führt zu generationenübergreifenden Traumata. Der Journalist Andreas Lebert und der Psychotherapeut Louis Lewitan sind dem Thema in vielen einfühlsamen Gesprächen mit Prominenten und zufällig ausgewählten, unbekannten Menschen nachgegangen. 80 Jahre nach dem Kriegsende ist es an der Zeit, endlich Lügen und Geheimnisse zu überwinden, auch wenn dies in vielen Fällen schmerzhaft ist. Das Buch zeigt eindrucksvoll auf, dass die verbreitete Redensart "Lass doch die alten Sachen endlich ruhen" auch heute falsch ist. Verdrängung und Totschweigen helfen nicht mehr weiter. Im Gegenteil, die Auseinandersetzung mit der eigenen Familiengeschichte kann durchaus befreiend wirken. Ein absolut lesenswerter Beitrag zum Jahrestag des Kriegsendes mit Denkanstößen für Gespräche in der Familie, mit Jugendlichen und auch in der Seniorenarbeit. Für den breiten Einsatz empfohlen.
Marion Sedelmayer
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Der blinde Fleck
Stephan Lebert, Louis Lewitan
Heyne (2025)
302 Seiten
fest geb.