Im Ministerium der Lügen
Über 20 Jahre war Boris Bondarew in verschiedenen Funktionen im russischen Außenministerium und im diplomatischen Dienst tätig gewesen, bis er seinen Staatsdienst aus Protest gegen den Angriff auf die Ukraine quittierte. Seitdem lebt er unter strengen
Sicherheitsvorkehrungen im Exil. Bondarew schildert detailliert und chronologisch an seinem Werdegang angeordnet, wie er immer mehr vom außenpolitischen Kurs seiner Regierung in Russland entsetzt ist und sich schließlich zu einer radikalen Abkehr entschließt: "Ich kann schlichtweg nicht länger an dieser blutigen, dummen und absolut überflüssigen Schande teilhaben." Das Buch bietet einen seltenen Blick hinter die Kulissen der russischen Außenpolitik. Der Autor hatte leider nie eine besonders bedeutsame oder hochrangige Position inne, daher ist die Perspektive, aus der Bondarew berichtet, zwar immer überzeugend, aber meistens ohne Relevanz am politischen Weltgeschehen. Das ändert sich natürlich etwas, je näher er zu aktuellen Ereignissen (Krim-Annexion, Ukraine-Krieg) kommt. Der Leser erfährt aus der Sicht von Bondarew als diplomatischem Insider sehr deutlich, auf was es Putin wirklich ankommt und wie dieser einzuschätzen ist. – "Im Ministerium der Lügen" ist eine persönliche Abrechnung und gleichzeitig ein aufrüttelnder Appell an Russlands Zukunft. Jedem, der sich eine Meinung zum Krieg in der Ukraine und zu dessen Hintergründen bilden will, ist das Buch wärmstens zu empfehlen.
Ulrich Glatz
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Im Ministerium der Lügen
Boris Bondarew ; aus dem Russischen von David Drevs
Heyne (2024)
255 Seiten
fest geb.