Frauen und Kinder zuerst
Im Küstenort Nashquitten in Massachusetts ist nichts mehr, wie es war, seit die Schülerin Lucy gestorben ist. War es ein Unfall? Oder Suizid, weil jemand ein kompromittierendes Video ins Netz gestellt hatte? Und was hat es mit dem gutaussehenden
Sportcoach Robert Taylor auf sich? Nacheinander kommen Mitschülerinnen, Lehrerinnen und andere Frauen aus ihrem Umfeld zu Wort, aus der Zeit vor dem Vorfall und danach. Das erscheint am Anfang wegen der vielen unzusammenhängenden Erinnerungsschnipsel schwer verständlich. Doch nach und nach setzt sich das Puzzle zusammen, wenn einzelne Szenen wiederholt und aus der jeweils anderen Perspektive der Beteiligten geschildert werden. Es wird im Präsens erzählt, was dem Text eine Kraft unmittelbaren Erlebens gibt. Die Soziologin Natalie bringt ihre Empfindungen auf den Punkt: „Wenn eine Tragödie geschieht, gibt es einen seltsamen Impuls festzulegen, in welcher Beziehung man selbst zu dem Geschehenen steht …, damit diese Nähe zur Katastrophe dem eigenen Leben Dringlichkeit verleiht“ (S. 82f). – Das Romandebüt der Amerikanerin Alina Grabowski ist spannend zu lesen, auch wenn sie eine eindeutige Erklärung schuldig bleibt.
Karin Blank
rezensiert für den Borromäusverein.
Frauen und Kinder zuerst
Alina Grabowski ; aus dem Englischen von Eva Kemper
Atlantik (2023)
383 Seiten
fest geb.