Verschickungskinder
Wenige Jahre nach dem Krieg begann man damit, Kinder in großem Stil auf 'Erholung' zu schicken. Meist wurde angeführt, dass sie zu dünn seien, nicht selten wurde Eltern aber eine solche Kur auch aus sozialen Gründen empfohlen. Die Journalistin
Lena Gilhaus ist dieser Praxis, die über Jahrzehnte hinweg sowohl in der BRD als auch in der DDR üblich war, nachgegangen. Sie hat Augenzeugenberichte und Stellungnahmen aus der damaligen Zeit zusammengetragen. Der Kuraufenthalt mündete nicht selten in einer Art Gefängnisaufenthalt mit drastischen Strafen bis hin zu Misshandlungen und sexuellem Missbrauch – auch in kirchlichen Einrichtungen. Sicherlich waren die Verhältnisse in den Kurheimen nicht überall gleich. Die pädagogischen Konzepte waren unterschiedlich, auch die Empathie und die Ausbildung der Mitarbeiter/-innen, doch eine große Zahl von Kindern dürfte die Aufenthalte als Trauma erlebt haben. Die Autorin weist darauf hin, dass der Aufarbeitung dieses Teils der Nachkriegsgeschichte bis heute von politischer Seite keine große Priorität eingeräumt wird. Aber auch die entsprechenden Heime und Kliniken selbst zeigen selten Interesse an einer umfassenden Aufklärung. Zum Leidwesen vieler Betroffener.
Walter Brunhuber
rezensiert für den Borromäusverein.
Verschickungskinder
Lena Gilhaus
Kiepenheuer & Witsch (2023)
350 Seiten
fest geb.