Getäuscht
Der Ich-Erzähler lebt, wie der Autor, während der 1920er-Jahre im Pariser Exil, dem Zentrum der russischen Kultur nach der Oktoberrevolution. Eine Bekannte bittet ihn, sich ihrer Nichte Ljolja anzunehmen, die in Scheidung lebt. Mit Spannung erwartet
der Erzähler Ljolja, empfängt sie mit dunkelroten Rosen und steigert sich in eine Liebesaffäre hinein. Als Ljolja zwei Wochen nicht in Paris ist, beginnt er eifersüchtig zu werden. Er versenkt sich als Tagebuchschreiber in eine akribische Nabelschau. Zur Ablenkung begibt er sich in Gesellschaft und lernt eine Deutsche aus Riga kennen. Mit Genugtuung nimmt er zur Kenntnis, dass er nun beim Betrügen mit Ljolja quitt sei. In seinen Aufzeichnungen ist er sehr reflektiert, beobachtet sich ununterbrochen selbst und beklagt seine Verlorenheit. – Der Roman ist bereits 1930 erschienen und danach in Vergessenheit geraten. Sein jüdischer Autor wurde 1943 ermordet. Im Nachwort sieht Dana Vowinckel ihn auf Augenhöhe mit Nabokov und als Nachfolger Prousts. Die eigenwillige Prosa ist für Leser:innen geeignet, die sich auf die Gedankengänge eines lethargischen Erzählers mit verwundetem männlichen Ego einlassen wollen.
Karin Blank
rezensiert für den Borromäusverein.
Getäuscht
Juri Felsen ; aus dem Russischen von Rosemarie Tietze
Kiepenheuer & Witsch (2025)
261 Seiten
fest geb.