Tage im März
Für Ingrid bricht eine Welt zusammen, als sie auf einer Arbeitsreise von der Polizei erfährt, dass ihr 15-jähriger Sohn Jonas zusammen mit ein paar Freunden einen ausländischen Jungen krankenhausreif geprügelt hat. Als alleinerziehende Mutter
ist sie sich durchaus bewusst, dass sie kein heiles Familienleben vorweisen kann, aber dennoch war sie der Meinung, es liefe ganz gut. Überwältigt von Schuldgefühlen eilt sie nach Kopenhagen zurück. Schon auf der Reise beginnt Ingrid, die Gründe für diese kriminelle Handlung ihres Sohnes zu suchen. Hätte sie sich trotz ihrer heimlichen Beziehung nicht von Jonas' Vater trennen sollen? Hätte sie beruflich zurückstecken sollen? Oder liegt der Grund vielleicht noch weiter zurück in ihrer eigenen zerrütteten Kindheit? Sie beginnt, ihr Leben mit der anscheinend glücklichen Ehe ihres Halbbruders zu vergleichen. Aber hätte sie dadurch die Wendung in Jonas' Leben verhindern können? - Selten kann man von einem Buch sagen, es entspreche dem wahren Leben, aber Jens Christian Grøndahl hat genau das geschafft. Gefühlvoll und mit klarem Blick reflektiert er Ingrids Beziehung zu ihrem Sohn und ihrem Leben. Ingrid zergeht nicht in dramatischem Selbstmitleid oder dem Versuch, plötzlich besonders mütterlich zu werden. Der Schreck über die Gewalt ihres Sohnes bringt Schuldgefühle mit sich, aber er bringt sie auch dazu, nachzudenken und sich ihrer Verantwortung bewusst zu werden. Ein ruhiges, nachdenkliches Buch, das man nicht einfach verschlingen kann, aber das man sehr genießen kann. (Übers.: Peter Urban-Halle)
Stefanie Simon
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Tage im März
Jens Christian Grøndahl
Kiepenheuer & Witsch (2011)
405 S.
fest geb.