Telegraph Avenue
Archie Stallings und Nat Jaffe betreiben einen altmodischen Plattenladen in Oakland, einen Treffpunkt für eine illustre Gesellschaft von Musikkennern des Jazz und Blues der 50er/60er Jahre. Zu den Stammgästen gehört auch Papagei "Fifty-eight", dem
ein 18-seitiges Kapitel, bestehend aus einem einzigen Satz, gewidmet ist. Womit wir beim Sprachstil wären: opulent, flapsig und abschweifend, bedient sich bei allen nur denkbaren popkulturellen Gebieten, Sport, Autos, Platten, Filmen. - Archie treiben drei Ängste um: Einmal ist sein Laden bedroht durch eine supermoderne Ladenfiliale. Zum anderen ist sein vierzehnjähriger unehelicher Sohn Titus aufgetaucht, von dem er seiner Frau Gwen noch nichts erzählt hat. Und außerdem ist Gwen hochschwanger. Jetzt wird von ihm Verantwortung verlangt, vor allem ein festes Einkommen. Bislang hat das Gwen übernommen. Sie arbeitet zusammen mit Nats Frau Aviva als Hebamme und hat gerade ihr eigenes Problem, weil sie dem Klinikarzt gegenüber ausgeflippt war, der sie unverantwortlicher Voodoo-Praktiken beschuldigt hatte. - Michael Chabon (Jg. 1963), u.a. ausgezeichnet mit dem Pulitzer-Preis, hat einen großartigen Gesellschaftsroman über die US-amerikanische Gegenwart geschrieben. Eines muss gesagt werden: Es ist etwas schwierig reinzukommen ins Buch mit all seinen detailreichen Schnörkeln und Insider-Debatten, aber danach wird man belohnt mit einer plastischen, atmosphärisch dichten Geschichte, die einen abtauchen lässt in einen ganz eigenen Kosmos. (Übers.: Andrea Fischer)
Karin Blank
rezensiert für den Borromäusverein.
Telegraph Avenue
Michael Chabon
Kiepenheuer & Witsch (2014)
587 S.
fest geb.