An diesem Tage lasen wir nicht weiter
Mary Ann Schwalbe ist eine engagierte dreiundsiebzigjährige Frau. Die Amerikanerin arbeitet für zahlreiche Organisationen, kümmert sich um Flüchtlinge, tritt als Wahlbeobachterin in Bosnien auf, setzt sich in ihrer Kirchengemeinde ein und sammelt
Spenden für die Einrichtung einer Bibliothek in Afghanistan. Als sie im Spätherbst 2007 die Diagnose Bauchspeicheldrüsenkrebs erhält, trifft dies ihre Familie bis ins Mark. Ihr Sohn Will begleitet sie fortan zu jeder Chemotherapiesitzung. Bei den langen Gesprächen während endloser Stunden im Wartezimmer der Ambulanz kommt das Gespräch auf Bücher und Leseerfahrungen. Will Schwalbe, der als Journalist bislang über Bücher eher schwadronierte, die er häufig gar nicht gelesen hatte, liest nun intensiv Bücher, die seine Mutter ihm empfiehlt. Umgekehrt gibt auch er ihr Lektüreratschläge. So entsteht mehr oder weniger zufällig ein kleiner, sehr privater Leseclub, in dem sich Mutter und Sohn über Bücher und darüber hinaus über das Leben austauschen und somit sehr nahe kommen. Zu ihrer Lektüre gehören unterschiedlichste Werke, wie Dantes "Göttliche Komödie", John Irvings "Owen Meany", Khaled Hosseinis "Tausend strahlende Sonnen" oder auch Ken Folletts "Die Säulen der Erde". Will Schwalbe schreibt zudem aus der Perspektive seiner Mutter einen Blog im Internet, vor allem um von stetigen besorgten Nachfragen von Freunden, Bekannten und Verwandten bewahrt zu werden und diese dennoch auf dem neuesten Stand über den Verlauf der Krankheit zu halten. - Der Autor liefert einerseits ein berührendes Porträt einer sich trotz ihrer Krankheit für andere einsetzenden Frau, andererseits zeigt er, dass Bücher einander näher bringen und Tod und Sterben überdauern. Sehr empfehlenswert.
Birgit Fromme
rezensiert für den Borromäusverein.
An diesem Tage lasen wir nicht weiter
Will Schwalbe
List (2012)
383 S.
fest geb.