Träum was Schönes
Der Journalist Massimo Gramellini verlor im Alter von neun Jahren unter tragischen Umständen seine Mutter. Der Ich-Erzähler in seinem Roman hat dasselbe Schicksal erlitten. Er erinnert sich, dass er eines Tages aufwachte und sein Vater mit zwei Männern
sprach. Später erzählte ihm die Familie, es seien Notärzte gewesen. Seine Mutter sei plötzlich verstorben. Massimo wächst daher bei seinem Vater auf. Das Thema Mutters Tod umgehen sie und auch ihre Verwandten und Bekannten. Trotz aller Bemühungen stellt sich für den Jungen und auch noch dem Erwachsenen immer wieder die Frage, wie es mit der Mutter gewesen wäre. In kuriosen Situationen, an schmerzlichen Lebenspunkten und nicht zuletzt im Verhältnis zu Frauen. Bis in den beruflichen Werdegang hinein hadert Massimo mit dem Verlust. Erst 40 Jahre nach dem Tod übergibt ihm die alte Freundin der Mutter ihre Notizen. Diese Erinnerungen schildern eine ganz andere Frau, als sie der Bub für sich tradiert hat. Dennoch gibt die alte Dame ihm endlich die Chance, seine wahren Wurzeln zu finden. - Für den Leser stellt sich nahezu automatisch die Frage, was in dem Buch Realität, was Fiktion des Autors ist. Wie dem auch sei, Gramellini zeigt die Brüchigkeit menschlicher Gefühle und Verhaltensweisen, solange die Lebenswelt von einer verharmlosenden Fiktion bestimmt wird. Immer wieder lässt er anklingen, dass sein Protagonist eine innere, unerklärliche Lücke fühlt. Und zu füllen versucht, nicht zuletzt als Kriegsberichterstatter im ehemaligen Jugoslawien. Anrührend und oft humorvoll sind dagegen seine Schilderungen der Kinder- und Jugendjahre. Genaue Beobachtungen von Alltagsituationen werden dabei vom nicht immer eingestandenen Wunsch nach einer liebenden Mutter durchbrochen. (Übers.: Barbara Kleiner)
Pauline Lindner
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Träum was Schönes
Massimo Gramellini
Piper (2014)
204 S.
fest geb.