Licht über dem Wedding
Erzählt werden drei parallele Geschichten von Menschen, die in einem Hochhaus in Berlin-Wedding wohnen. Obwohl sich das einstige Arbeiterviertel allmählich verändert, "hipper" wird, kann man das geschilderte Umfeld als sozialen Brennpunkt bezeichnen.
Dort lebt der alkoholkranke Wolf mit seiner 15-jährigen, überaus aggressiven und als schwer erziehbar geltenden Tochter Agnes. Neu zugezogen ist die hübsche, immer teuer gekleidete Hannah, die als Modebloggerin arbeitet und der ihr eigenes Leben zunehmend entgleitet. Wie zufällig verflechten sich diese drei Schicksale auf fast schon brutale Weise. Nicola Karlsson (bekannt durch ihren Debütroman "Tessa", BP/mp 14/113) erzählt unmittelbar aus der jeweiligen Perspektive ihrer Protagonisten, in einer temporeichen, schnörkellosen und überaus harten, nichts beschönigenden Sprache. Gerade in der so erzeugten schonungslosen Intensität liegt die Stärke dieses Romans, die den Leser mitfühlen und auch -leiden lässt. Das Gefühl von Verlassensein und Leere wird durch Alkohol, Drogen, Gewalt und lieblosen Sex übertüncht. Dennoch blitzen immer wieder Momente von Liebe und Zärtlichkeit auf. Trotz des im Grunde brachialen Endes scheint es so etwas wie Hoffnung, wie ein "Licht über dem Wedding" zu geben. Ein mitreißendes, fesselndes Buch, das man so rasch nicht aus der Hand legt. Sehr empfehlenswert für alle Büchereien.
Barbara Nüsgen-Schäfer
rezensiert für den Borromäusverein.
Licht über dem Wedding
Nicola Karlsson
Piper (2019)
317 S.
fest geb.