Animal
Mit Ende 30 glaubt Joan, einen Mann ehrlich zu lieben. Das unglaubliche Begehren und die Hingabe, die Joan für Big Sky hat, sind neue Gefühle für die Frau, die ewig nur Geliebte war. Viele Jahre war sie im Verborgenen an der Seite ihres Chefs Vic,
ohne ihn je wirklich zu wollen. Die Zurückweisung Joans ist für Vic so unerträglich, dass er sich vor ihren Augen erschießt. Joan packt alle Habseligkeiten auf ihren Truck und siedelt nach Los Angeles um. Dort arbeitet ihre Halbschwester Alice als Yogalehrerin in einem Studio. Ohne von der Wahrheit über das familiäre Bündnis zu wissen oder ihre Schwester jemals gesehen zu haben, freunden sich die beiden Frauen an. Joan lässt Alice an ihrem Leben teilhaben und spart kein noch so monströses Detail aus. Doch die Verbindung ist fragil und die beiden entfernen sich wieder voneinander. In der Beschreibung dieser Freundschaft und in allen anderen Beziehungen Joans spart Taddeo nicht mit grausamen Bildern und Wendungen. Joans Leben konstruiert sie als Aneinanderreihung von schweren Schicksalsschlägen. Immer wieder setzt sich die erwachsene Joan in Beziehung zu den früh verstorbenen Eltern und der Kindheit. Als sie selbst schwanger wird, versucht sie ihren zerstörerischen Lebensstil zu ändern, doch das gelingt ihr nicht. So spricht sie im Buch die ganze Zeit zu ihrem Kind und lässt ihr Leben vor dessen Augen Revue passieren. Ein gewaltiger und gewalttätiger Roman. Ein Stück Leben, wie es sich niemand wünscht und doch von der ersten Seite einfach packend und einnehmend. Es sollte nicht ohne Hinweis auf verstörenden Inhalt gelesen und empfohlen werden. Auch wenn es das ausnahmslos ist: ein sehr empfehlenswerter Roman.
Christine Tapé-Knabe
rezensiert für den Borromäusverein.
Animal
Lisa Taddeo ; aus dem amerikanischen Englischen von Anne-Kristin Mittag
Piper (2021)
411 Seiten
fest geb.