All die ungesagten Dinge
Ky ist die Tochter vietnamesischer Einwanderer in Sydney, Australien. Als Jugendliche beständig zwischen den Traditionen ihrer wenig am australischen Alltag angepassten Eltern und dem rassistisch geprägten Umfeld der Schule hin- und hergerissen,
macht sie ihren Weg, zieht aus und arbeitet als Journalistin. Ihr jüngerer Bruder Denny ist die Hoffnung seiner Eltern auf einen Neuanfang im fremden Land. Bei seiner eigenen Schulabschlussfeier wird er zusammengeschlagen und stirbt. Ermittlungen beginnen erst, als Ky nach Hause kommt und Fragen stellt, bei der Polizei, bei ihren Eltern, im eigenen Umfeld. Sie stößt dabei auf die Geschichte ihrer eigenen Kindheit und findet über ihre Schulfreundin Minnie die wahren Hintergründe der Tat heraus. – Größtenteils aus der Sicht von Ky erzählt, entfaltet sich eine Familiengeschichte, in der Tradition und Gegenwart beständig miteinander im Konflikt sind und die Schwierigkeiten einer Migration durch den herrschenden Rassismus sich reproduzierendes Unglück hervorrufen. Die sich nach und nach ergänzenden Puzzleteile der Geschehnisse verdeutlichen die Komplexität und die unlösbaren Verwicklungen, die schließlich zur Tragödie führen. Die einzelnen Personen sind auch durch die jeweils individuelle authentische Sprache ausgesprochen lebendig und lebensnah beschrieben. Der Autorin gelingt es, das Geschehen nicht nur als höchst intensiven Roman, sondern auch als eine – bedrückende – Tatsachenbeschreibung an die Leser/-innen weiterzugeben. Ein Kriminalroman, wie in manchen Rezensionen zu lesen ist, ist es im Übrigen sicher nicht! Auch aufgrund des leider dauerhaften aktuellen Bezugs dringend empfohlen.
Susanne Körber
rezensiert für den Borromäusverein.
All die ungesagten Dinge
Tracey Lien ; Übersetzung aus dem Englischen von Ulrike Wasel und [einem weiteren]
Piper (2023)
332 Seiten
fest geb.