Dunkelholz
Vom ausgehenden Sommer über wilde Herbststürme bis in den Dezemberschnee verbringt die Protagonistin ihre Zeit allein zwischen dem anfallenden Tagwerk, ihren Gedanken und intensiven Erlebnissen in der Natur, unterbrochen nur von Begegnungen mit dem
Nachbarn. Sie resümiert ihr bisheriges Leben, legt Rechenschaft ab, hadert, hinterfragt und enthüllt dabei auch Stück für Stück das Abdriften ihrer Tochter Clara in die Kriminalität, die nach gemeinschaftlicher Entführung (mit Todesfolge?) jetzt ihre Gefängnisstrafe absitzt. Einstmals jung, ungebunden, sich von Gelegenheit zu Gelegenheit treiben lassend, lernt Lydia Markus als Mann ihres Lebens kennen. Beide gewähren sich Freiheiten außerhalb der Ehe, für Lydias starkes Bedürfnis nach Abgeschiedenheit gibt es eine abgeschlossene Dachkammer, Arrangements, die auch nach Claras Geburt beibehalten werden. Trotz (vermeintlich?) liebevoller Nähe geht Clara ihr irgendwo "zwischen Kindergarten, Schule und Studium verloren", wird schwer magersüchtig, fühlt sich, "als habe sie keinen Platz im Leben der Eltern", findet dann fatalen Halt in der hasskriminellen "Heimatfront". Ängste, Schuld- und Versagensgefühle suchen Lydia in schrecklichen Albträumen heim, ihre unerschütterliche Liebe zu Clara – und immer noch zu Markus – wird ihr ebenso bewusst wie das nahende Alter. Erst ein beinahe tödlicher Unfall im Schnee lässt sie erkennen: Sie wird "nicht mit und nicht ohne Menschen können, verzweifelt das Dazwischen suchen" müssen, dass "nichts besser, aber auch nichts schlechter geworden" ist und "Zeit, zurückzukehren, Zeit, nach Hause zu gehen".
Elisabeth Bachthaler
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Dunkelholz
Natalja Althauser
Piper (2025)
207 Seiten
fest geb.