Herbstgeschichte
Eingebunden in die Rahmenhandlung des Autors Titus, der die Geschichte einer novellenhaften Zugbegegnung und deren Folgen erzählt, durchlebt der Leser Episoden aus dem Leben von Michael und Bruno, Schulkameraden, die sich eigentlich nicht viel zu
sagen haben, und Marietta, einer Schönheit, die die beiden auf einer Zugfahrt in ihren Bann schlägt. Unmittelbar ändern die Männer ihre Pläne und begleiten die mysteriöse, scheinbar schutzbedürftige junge Frau nach Venedig. Michael verbleibt im scheuen Schwärmen, wird aber Jahre später zu einem tatkräftigen Lebenshelfer für Marietta, die inklusive Namen eine Erfindung ihrer selbst ist, wobei der selbstverliebte Bruno nur sehr punktuell auftaucht und den Platzhirsch mimt. Michael, der scheue Schriftsteller, und Bruno, Schauspieler mit fragwürdiger politischer Haltung, stehen für den unterschiedlichen Umgang mit einer sich neigenden Lebenszeit. So zieht sich der Herbst motivisch durch die Erzählung und betrifft bei weitem nicht nur das Alter. Nadolny knüpft an den Sprachstil an, für den er gefeiert wird, und pflegt somit Sätze und Wörter in philologischer Schönheit. Die Herbstgeschichte ist raffiniert konzipiert und baut ruhevoll Spannung auf. Ein Lesevergnügen!
Christine Vornehm
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Herbstgeschichte
Sten Nadolny
Piper (2025)
238 Seiten
fest geb.