Karma
Brandenburg 2035, an einem See in der Nähe von Berlin veranstaltet die Omen SE, ein deutsches Vorzeigeunternehmen mit einer Vielzahl an KI-Plattformen für alle erdenklichen Lebensbereiche, einen Festakt, bei dem Führungskräfte in den Ruhestand
verabschiedet werden. Die CEO hält eine Rede, ihr Ton ist stark nationalistisch, die literarischen Anspielungen sind überhöht, die Metaphern plump. Am See sind gläserne Bungalows entstanden, ausgestattet mit jedem erdenklichen Komfort, speziell für ausscheidende Führungskräfte mittleren Alters. Die hochautomatisierten intelligenten Wohneinheiten werden an diesem Abend offiziell in Betrieb genommen. Dabei lernen wir die frühzeitig in den Ruhestand entlassenen Mitarbeiter kennen: den 48-jährigen Abteilungsleiter Joachim, der mit seiner CEO auch eine intime Beziehung pflegt. Daniel, den allseits unbeliebten Leiter der internen Ablaufoptimierung. Frauke und Nilufar, die gemeinsam ein exklusives Weinhandelsunternehmen aufgebaut haben. Der Weinkonsum ist beträchtlich, selbst Christiane, Gründerin der Partnervermittlung Intelligenzija, frönt exzessiv dem Chardonnay. Die amourösen Verstrickungen der Hauptfiguren, die alle eine gewisse Melancholie teilen, folgen einem Überlebenskampf der Fittesten – mit der ironischen Wendung, dass nun vorwiegend Frauen, die neuen Lenker des Gemeinwesens, diesen Prozess vorantreiben. – Der Autor widmet sich einer nicht allzu fernen Zukunft, in der künstliche Intelligenz tiefgreifende Auswirkungen auf gesellschaftliche Strukturen und Verhaltensweisen hat. In dieser Vision präsentiert er zynisch, mit beißender Ironie, satirischen Spitzen und sprachlich dem Jargon der Managerwelt entlehnt, eine Welt nach dem Patriarchat, die jedoch weiterhin von autoritären Tendenzen geprägt ist – diesmal unter dem Banner des Feminismus. Alles in allem eine komplexe, schwer zugängliche und eigenwillige Kombination aus experimentellen und klassischen Erzähltechniken, die sich nur literarisch Geübten erschließen dürfte.
Günther Freund
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
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Alexander Schimmelbusch
Rowohlt (2024)
296 Seiten
fest geb.