Der Apparat
Das ist schon etwas spekulativ: Ein Apparat ist die Hauptfigur, die den zweiten Roman des schottischen Lyrikers J.O. Morgan zusammenhält. Es ist eine ofengroße Maschine, entwickelt von einem namenlosen Institut, dazu programmiert, anorganische und
unrealistischerweise auch organische Materie in Sekundenbruchteilen zu analysieren, zu zerlegen und an einem anderen Ort wieder zusammenzusetzen. Doch was passiert mit den Objekten, später den Personen, wenn sie so rasant den Ort wechseln, ohne sich selbst zu bewegen, während des Transports? Zuerst wird ein Eierlöffel teleportiert, das scheint gelungen zu sein. Eine alte Dame wehrt sich beim Umzug gegen die Teleportation eines Ölgemäldes, auf dem ihr Großvater abgebildet ist: Geht da aber nicht der künstlerische Wert des Originals verloren? Ein höchst unsympathischer Ehemann kehrt nach einem Selbstversuch wie verwandelt zu seiner Frau zurück: Ist er überhaupt noch derselbe? Kinder spielen am Rande eines Telehafens, und am Ende deutet sich gar eine Teleportation auf den Mond an. Die zentrale Frage, die in allen Geschichten schlummert, ist die nach der Conditio humana: Lässt sich ein Mensch so einfach in Einzelteile zerteilen und wieder aufbauen? Was ist mit den Gedanken, den Gefühlen, den seelischen Regungen, die nicht messbar sind? So gewagt und so aufregend das Experiment ist, so vermessen ist es. Nicht umsonst hat der Autor seinem Roman ein Zitat aus der Geschichte vom Turmbau zu Babel vorangestellt. Bedenkenswerte Darstellung der Operationen mit künstlicher Intelligenz und ein unterschwellig dringendes Plädoyer für Demut und Bescheidenheit angesichts neuer technologischer Möglichkeiten.
Michael Braun
rezensiert für den Borromäusverein.
Der Apparat
J. O. Morgan ; aus dem Englischen von Jan Schönherr
Rowohlt (2023)
237 Seiten
fest geb.