Das glückliche Schicksal
Er sei immer irgendwie dazwischen, hat der Schriftsteller Matthias Nawrat einmal gesagt, der in Polen geboren und als Zehnjähriger mit seiner Familie nach Bamberg emigriert ist. Auch der Protagonist seines jüngsten Romans, Mrugalski, ist in einem
Zwischenzustand. Ein Emigrant aus Polen, der mit seiner jüdischen Frau Krystyna unauffällig in Venedig lebt, ein postmarxistischer Kybernetiker auf dem Abstellgleis. Dort besucht ihn die Krakauer Soziologin und Spieltheoretikerin Wanda Karlowska, um ihn über seine Forschungen zu befragen. Aber geht es wirklich um Mrugalskis schräge Sozialtheorie: die Gesellschaft als abgeschlossene Pyramide? Im Laufe der Gespräche lernen wir den Antwortenden und die Fragende näher kennen. Mrugalski war in stalinistischen Lagern im Ural und hat Fronarbeit wie härteste Verhöre überlebt. Und Wandas Vater ist ebenfalls nach dem Krieg bei einem Verhör arbeitsunfähig geschlagen worden. Die Gewalterfahrungen bilden einen Horizont, vor dem die Vertreter der Opfergenerationen des Kommunismus zusammenkommen. Am Ende steht eine faustdicke Lektion über Geschichte als „Domäne von Helden und bösen Zauberern“. Nawrat erzählt in eindringlichen Szenen, in dichter Sprache und mit unübersehbaren Verweisen auf den historischen Kontext. Denn die Story, die da erzählt wird, spielt 1983. In Polen herrscht Kriegsrecht, Solidarnosc ist zerschlagen, aber der eiserne Vorhang hat Lücken. Empfehlenswert.
Michael Braun
rezensiert für den Borromäusverein.
Das glückliche Schicksal
Matthias Nawrat
Rowohlt (2026)
266 Seiten
fest geb.