Sein Name ist Donner
Der nordamerikanische indigene Autor (* 1991), Professor für indigene Literatur, Kultur und Kreatives Schreiben, wuchs im Reservat der Penobscot Indian Nation auf einer kleinen Insel nahe der kanadischen Grenze auf. Sein Leben als Kind und junger
Mensch in dieser Abgeschiedenheit, in der Mythen und Geisterglaube gegenwärtig sind, spiegelt sich in seinem ersten Roman und in der Hauptperson, dem Ich-Erzähler David, wider. Mit sechs Jahren zog David mit seiner Mutter ins Reservat, weg von seinem spielsüchtigen Vater. In der Folge bestimmten ein prügelnder Stiefvater (zuerst Medizinmann, dann Alkoholiker), Zigaretten, Bier, Drogen, falsche Freunde, eine demente Großmutter, eine psychisch kranke Schwester, permanente Geldnot, Perspektiv-, Orientierungs- und Arbeitslosigkeit sein Leben. Und dennoch gab es auch Momente der Hoffnung. Das Blatt begann sich zu wenden, als er zum x-ten Mal erleben musste, wie seine Mutter mit Depressionen in eine Heilanstalt eingewiesen wurde, und er daraufhin sein Schicksal selbst in die Hand nahm. – Der Autor erzählt das Geschehen in 12 zusammengehörenden Kurzgeschichten in zeitlich beliebiger Reihenfolge und gibt die teils verstörenden Situationen nüchtern und akribisch genau wieder, aber auch mit subtil feinem Humor. Das Buch liest sich keineswegs mitleidheischend oder gar dystopisch. Die handelnden Personen in ihrer Daseinsnot und der kleine Indianerstamm in seinem Überlebenswillen verdienen jedes Maß an Sympathie und Respekt. Das Nachwort des Autors gibt über die Penobscot Indian Nation Auskunft. In den USA wurde das Buch auf Anhieb ein durchschlagender Erfolg und erhielt zahlreiche Nominierungen und Preise. Auf Englisch ist bereits ein zweiter Band erschienen. Der Titel empfiehlt sich jenseits aller Indianerromantik.
Barbara Riedl
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Sein Name ist Donner
Morgan Talty ; aus dem Englischen von Thomas Überhoff
Rowohlt (2025)
315 Seiten
fest geb.