Die Republik der Irren

Der Pfleger Cherubino und die ehemalige Ordensschwester Letizia gehören in den ideenerhitzten Wirren nach dem Ersten Weltkrieg zu den wenigen, die ihren gesunden Verstand behalten. Unter den Literaten D'Annunzio und Marinetti entwickelt sich in Italien Die Republik der Irren der Futurismus, der sich dem Bruch mit den Werten der Vergangenheit verschreibt und zu den Vorläufern des Faschismus zählt. Um ihre Idee Wirklichkeit werden zu lassen, nimmt D'Annunzio die Stadt Fiume (heute Rijeka in Kroatien) an der Adria ein, um einen Freistaat nach seinen Ideen zu kreieren, was ihm für rund ein Jahr tatsächlich gelingt. Nach einer Idee von Marinetti hat Cherubino die Aufgabe, aus einem italienischen Pflegeheim den "harmlosen Irren" Zino nach Fiume zu bringen, denn Irre sind als Minister des neuen Staates vorgesehen. Während Cherubino sich mit Letizia der Betreuung der Irren widmet und sie weitestgehend auch medikamentös unter Kontrolle hält, eskaliert die Entwicklung um sie herum: Nicht nur Österreich und Kroatien wenden sich gegen D’Annunzio, sondern auch Mussolini, einst selbst Anhänger der Futuristen. Dennoch nimmt er Zino in seine Wachmannschaft auf. Die aus ganz Europa nach Fiume gereisten, meist hoch kreativen, aber mittellosen Futuristen reisen auch angesichts der Lebensmittelknappheit rasch ab. Nur Cherubino und Letizia, inzwischen mit Tochter Cara, überstehen die Eskapade und lassen sich auf einem verlassenen Bauernhof nieder und werden sesshaft. – Ein sprachlich unverblümter Roman, dem die Erzählkunst eines Kabarettisten zugutekommt. Dass es sich um einen historischen Roman handelt, dokumentieren auch die Belege im Nachwort, das dem Text besser vorangestellt worden wäre. So gelingt Lesenden die Lektüre kaum, ohne sich zwischendurch durch Recherche vergewissert zu haben, dass es sich meist um verbürgte Zitate und Handlungen handelt. Für größere Bestände und Liebhaber historischer Romane.

Rolf Pitsch

Rolf Pitsch

rezensiert für den Sankt Michaelsbund.

Die Republik der Irren

Die Republik der Irren

Dirk Stermann
Rowohlt Hundert Augen (2025)

301 Seiten
fest geb.

MedienNr.: 623284
ISBN 978-3-498-00745-4
9783498007454
ca. 25,00 € Preis ohne Gewähr
Systematik: SL
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