Die Aufsteiger
Die Ausführungen der Urenkelin des Protagonisten dieses Buches verweisen am Beispiel einer dem deutschen Mittelstand angehörenden Unternehmerfamilie in einem kleinen rheinhessischen Ort, abseits der politischen wie wirtschaftlichen Zentren, auf den
immensen Einfluss und Druck des NS-Regimes auf die Bevölkerung, die wiederum großteils alle Maßnahmen und Befehle der NSDAP-Funktionäre akzeptierte und umzusetzen half. Anschaulich legt die Autorin dar, wie sich einzelne Familienmitglieder überall dort andienten, wo für die Fabrik und Familie wirtschaftlicher Profit und gesellschaftliches Ansehen winkten. Die Strunckwerke, ehemals ein Baustoff- und Kohlenhandel, etablierten sich unter Johann Strunck zu einer florierenden Zementwarenfabrik, deren Produkte – vor allem bei Stahlbetonplatten (Panzerbeton) sowie bei der Fertigung von Bunkern – von großen Namen (u.a. Krupp) geschätzt wurden. Aufgrund intensiver Recherchen in Archiven und Dokumentationszentren entdeckt die Verfasserin zahlreiche Belege für die Verstrickung der Firma in NS-Projekte, so z.B. beim Bau des Westwalls oder bei Lieferungen aus dem eigenen Weinberg an die Wachmannschaften des KZ Sachsenhausen, was nur durch enge persönliche Verbindungen zum NS-Führungspersonal möglich war. Um die Produktion hoch halten zu können, wurden osteuropäische Zwangsarbeiter als Arbeitskräfte verpflichtet, für die auf dem Firmengelände ein Lager errichtet wurde. Alle gefundenen Belege – vornehmlich Dokumente aus den Spruchkammerverfahren nach Kriegsende – zeigen die Verstrickung der Familie in diverse NS-Verbrechen, die Verdrängung ihrer Schuld sowie das Festhalten an der Überzeugung, stets das Richtige getan zu haben. Klar und kritisch setzt sich Strunck mit dem Denken und Tun ihrer Vorfahren, aber auch mit dem Verhalten der Dorfgemeinschaft auseinander und benennt zugleich die Abgründe der Nazi-Herrschaft. – Für große Bestände zu empfehlen!
Inge Hagen
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Die Aufsteiger
Christina Strunck
Rowohlt (2025)
430 Seiten : Illustrationen, Karte
fest geb.