Der dunkle Sommer
Es ist ein besonders heißer Sommer, der sich über das menschenleere sardinische Geisterdorf Botigalli legt. Hier hat die Architektin Tilda ein Haus mit einer düsteren Geschichte erworben – vor mehr als 30 Jahren kamen hier während einer Hochzeitsfeier
die meisten Dorfbewohner gewaltsam ums Leben. – In ihrem dritten Thriller greift Vera Buck auf ein Erzählmuster zurück, bei dem die einzelnen Kapitel aus der Perspektive wechselnder ProtagonistInnen erzählt werden. Neben Tilda, die auf Sardinien einen Neuanfang und innere Ruhe sucht, sind es der Journalist Enzo, der seit Jahren zu den Vorkommnissen im Dorf recherchiert, sowie die junge Franca, die in den 1980er Jahren in Botigalli aufwächst und die, noch nicht volljährig, auf Druck der Familie mit Tomaso zwangsverheiratet wird. – In dem Text zeigt die Autorin die zerstörerische, ja mörderische Wirkungskraft von patriarchalischen Traditionen und gesellschaftlichen Normen auf, die die Familienehre an die Keuschheit der heranwachsenden Töchter knüpfen. So hat in Italien bis in die 1980er Jahre der Strafgesetzbuch-Artikel 544 über die "Wiedergutmachungsehe" (matrimonio riparatore) all die Männer rehabilitiert, die die von ihnen vergewaltigten oder sexuell missbrauchten Frauen heirateten. Die Thriller-Lektüre werden daher alle LeserInnen genießen, die mehr als nur den genretypischen Spannungsbogen und einen mysteriösen Handlungsschauplatz suchen.
Slávka Rude-Porubská
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Der dunkle Sommer
Vera Buck
Rowohlt Polaris (2025)
381 Seiten
kt.