Das Biest
Der Neffe begleitet seine nur wenige Jahre ältere Tante durch ihr ganzes Leben. Schon in jungen Jahren schafft sie es mit ihren bissigen und boshaften Bemerkungen, das Familienleben durcheinanderzubringen. Mit Wonne spielt sie jeden gegen jeden aus
und suhlt sich in der Rolle des Mädchens, das der kränkelnden Mutter zuliebe auf vieles verzichten musste. Ihre Ehe hält nur der dauernde Streit und die Demütigung des Ehemanns zusammen. Raffiniert demütigt sie ihre Angehörigen durch unpassende Geschenke. Bis fast auf das Totenbett der Schwester. In kleinen Häppchen klärt der Erzähler darüber auf, dass diese extremen Verhaltensweisen aus einem Kindheitserlebnis herrühren, das aus dem lebenslustigen Mädchen eine wahre Giftspritze machte. Aus den verstreuten Andeutungen wird offenbar, dass sie das Opfer eines sexuellen Missbrauchs ist, der zu einer Abtreibung bei einer Engelmacherin mit Unfruchtbarkeit führte. Im engmuffig-katholischen Elternhaus hatte sie keine Chance, das Erlebte aufzuarbeiten. So wendet sich ihr Hass vor allem gegen die eigentlich helfende ältere Schwester und gegen den Ehemann, dem sie dauernd vorwirft, unfruchtbar zu sein. - Beim Lesen amüsiert man sich ein gutes Stück über die Phantasie der Titelfigur, ihre Mitmenschen auf den Punkt genau zu verletzen. Mit der Zeit ahnt man aber, dass abgrundtiefes Leid hinter dieser Fassade der Boshaftigkeit stecken muss. Die Rolle des erzählenden Neffen ist besonders in dessen Kindheit durch Nähe zur Tante gekennzeichnet. Mit der Zeit gewinnt er Abstand und sieht deren Verhalten differenzierter, teils erklärend, teils ablehnend. Als eine tiefschürfende Auseinandersetzung mit einem unverarbeiteten Trauma, das zur Ursache schwerer Familienzwistigkeiten wird, durchaus lesenswert. (Übers.: Helga van Beuningen)
Pauline Lindner
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Das Biest
A. F. Th. van der Heijden
Suhrkamp (2016)
301 S.
fest geb.