Der Absprung
Die russische Autorin ringt in diesem kleinen, intensiven Roman als ihr alter ego (die Schriftstellerin M.) mit dem Grauen des von ihrem Heimatland ausgelösten Krieges in der Ukraine. Auch mit der schleichenden Veränderung durch Putin und dessen
"unermessliche Gier", die ihr einstiges Zuhause zerstört und für sie unbewohnbar macht. Das alles beschreibt sie mit der Metapher des Untiers – und beantwortet die kritische Frage, warum man es nicht rechtzeitig hinderte, bevor "es so groß wurde und anfing, wahllos Menschen zu fressen", mit der Erkenntnis, "dass das Tier weder vor mir noch hinter mir war ... es war immer um mich herum – und ich habe Jahre gebraucht, um zu erkennen, dass ich in ihm lebe und vielleicht schon in ihm geboren wurde." M., um die 50, lebt inzwischen im europäischen Exil in Sicherheit, ist im Sommer 2023 mit dem Zug zu einer Lesung im benachbarten Ausland unterwegs und reflektiert auf dieser Reise ihre Situation, erinnert Gelesenes, Erlebtes, beschreibt gewisse Routinen, die inzwischen in ihrem neuen Leben eingekehrt sind, ihr aber noch kein Gefühl eines zuhause Seins bescheren. Diesmal wird alles anders. Ein Anschluss wird verpasst, der Kontakt zum Veranstalter bricht ab – M. strandet in der Stadt F. am Meer. Und beschließt, ihr bisheriges, von festen Regeln und Ritualen gehaltenes Leben durch eine zufällig entstandene, ganz andere Möglichkeit zu verändern. Ein Wanderzirkus könnte ihre neue Heimat werden – ist aber zum vereinbarten Abreisezeitpunkt verschwunden. Mit ihrem letzten Satz "Vielleicht wartete die Karawane ja doch um die Ecke" bleibt für M. (und die Lesenden) "der Absprung" offen. – Für ein anspruchsvolleres Lesepublikum gern empfohlen.
Elisabeth Bachthaler
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Der Absprung
Maria Stepanova ; aus dem Russischen von Olga Radetzkaja
Suhrkamp Verlag (2024)
141 Seiten
fest geb.