Der Tod und das Leben danach
"Death and the Afterlife" heißt das Buch des US-amerikanischen Philosophen Samuel Scheffler im Original. Das führt auf eine falsche Fährte. Es geht nicht um Theorien des persönlichen Weiterlebens nach dem Tod, sondern um die Erörterung des kollektiven
Lebens nach dem Tode. Man stelle sich vor, so Schefflers Gedankenexperiment, wir wüssten, dass die Menschen bald, in sehr naher Zukunft, von der Erde verschwinden würden, durch eine planetare Katastrophe oder ein Unfruchtbarkeitsszenario. Würden die Kulturleistungen nachlassen, die Forschungen aufgegeben, die Werthaltungen verblassen? Weitgehend ja, argumentiert Scheffler, weil wir abhängig sind von unseren Einstellungen zu den Dingen, die wir wertschätzen (valuing), um die wir uns sorgen (caring) und die uns etwas bedeuten (matter). Die Schlussfolgerung daraus ist kühn, nicht gerade christlich-konservativ, aber so einleuchtend, dass sie auch und gerade Atheisten erreicht: Die Aussicht auf das Verschwinden der Menschheit ist bedrohlicher als die Angst vor dem eigenen Tod. Das ist weniger Kritik eines wie auch immer beschaffenen Jenseitsglaubens, sondern ein Plädoyer für kollektive humane Werte. Scheffler lenkt den Blick auf die Grenzen von Individualismus und Egoismus - und auf die Anarchie, die uns drohen würde (wie in Alfonso Cuarons Science Fiction-Film "Children of Men" aus dem Jahr 2006), wenn die Menschheit im Bewusstsein ihres nahen Endes das Vertrauen auf ein "Leben voller Werte" verlöre. Ein faszinierendes Denkbuch, ansprechend geschrieben und einleuchtend argumentierend. Ab mittleren Beständen möglich.
Michael Braun
rezensiert für den Borromäusverein.
Der Tod und das Leben danach
Samuel Scheffler
Suhrkamp (2015)
152 S.
fest geb.