Siegfried
Am Morgen schreckt die Ich-Erzählerin auf: Sie hat geträumt, ihr Stiefvater Siegfried wäre tot, sie meint eine Sirene zu hören. Dann schiebt sich ein weiteres Problem in ihr Bewusstsein: Am Vorabend hatte sie ihrem Lebenspartner Alex gesagt, sie
habe ihn mit ihrem Lektor Benjamin betrogen. Und dann ist da noch die To-Do-Liste für den Tag: Tochter Johnny wecken, Frühstück machen, einkaufen, ihre Literatursendung fürs Radio vorbereiten. Als sie sich endlich aufraffen kann, sind Mann und Kind bereits in der Küche. Wie durch Watte nimmt sie wahr, wie Johnny beim Aufspringen den Stuhl umwirft. Sie rechnet damit, dass Alex ausrastet, und erinnert sich an Siegfrieds cholerische Anfälle, wenn Dinge außer Ordnung gerieten. - Szenenwechsel: sie sitzt barfuß in einem Taxi und lässt sich in die psychiatrische Ambulanz fahren - zum Ausruhen. Während sie wartet, kommt sie tatsächlich zur Ruhe. Sie denkt an früher, an ihre Kindheit, die sie meist bei ihrer unkonventionellen Großmutter Hilde verbracht hat. Hilde hatte keine Schere im Kopf wie sie selbst, wenn sie sich Siegfrieds Vorwürfe vorstellt. - Eine ungemein dicht erzählte Geschichte über enge oder distanzierte Beziehungen, über das Patriarchat und über unterschiedliche Herkünfte, wie Hildas Villa bei Bad Homburg und dem Plattenbau von Alex’ Eltern im Osten Berlins.
Karin Blank
rezensiert für den Borromäusverein.
Siegfried
Antonia Baum
claassen (2023)
253 Seiten
fest geb.