Pompejis letzter Sommer
Gabriel Zuchtriegel, Direktor des Archäologischen Parks von Pompeji, geht bei seinen Grabungskampagnen insbesondere dem Leben der rechtlosen und kleinen Leute nach. So stellt er in seinem neuen Buch unter anderem einen jüngst freigelegten Bäckereibetrieb
vor. Die Sklaven, die dort das Mehl mahlten, waren angekettet, Latrine, Schlaf- und Arbeitsplatz waren am selben Ort. Nur ein paar Straßen weiter legten die Archäologen Anfang 2025 eine Villa mit großen Fresken frei. Sie stellen wohl einen Mysterienkult vor, der die Sehnsucht nach einer persönlichen spirituellen Erfahrung ausdrückte, die der römische Staatskult nicht zu bieten hatte. Zuchtriegel stellt beide Ausgrabungsorte in einen Zusammenhang mit der Krise der antiken Götterverehrung und dem jungen Christentum. Arme wie Reiche konnten in der neuen Lehre des Jesus von Nazareth zum einen Würde und zum anderen religiöse Erfüllung finden. Dass die neue Religion in Pompeji zumindest teilweise bekannt war, lässt sich anhand erhaltener Inschriften belegen. Wie sich soziale und religiöse Fragen in der untergegangenen Stadt am Vesuv verbanden, zeigt Zuchtriegel in seinem Buch zwar etwas sprunghaft, aber schlüssig auf. Daneben schildert er die Problematik der Freilegung archäologischer Stätten, die danach durch Witterungseinflüsse, statische Verschiebungen, Pflanzenbewuchs und Pilzbefall bedroht sind. Die 13.000 offenen Räume auf dem 44 Hektar großen Ausgrabungsgelände in Pompeji zu überdachen, ist unmöglich. Deshalb mahnt Zuchtriegel: „Wir sollten immer nur so viel ausgraben, wie wir auch zu bewahren imstande sind.“ Obwohl sich manches aus Zuchtriegels Vorgängerbuch „Vom Zauber des Untergangs“ wiederholt, ist „Pompejis letzter Sommer“ eine fesselnde Lektüre, die den Leser auf eine Reise durch die Antike schickt, die Fragen aufwirft, welche in einer politischen und religiösen Epochenwende wie der heutigen hochaktuell sind.
Alois Bierl
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Pompejis letzter Sommer
Gabriel Zuchtriegel
Propyläen (2025)
315, [32] Seiten : Illustrationen (überwiegend farbig), Karte
fest geb.