Blaue Stunden
"Blaue Stunden sind das Gegenteil sterbenden Glanzes, aber sie sind auch seine Vorboten." Gefangen in dieser emotionalen Widersprüchlichkeit versucht die amerikanische Autorin Joan Didion ihre eigene Lebenssituation intellektuell zu analysieren, emotional
zu lokalisieren und schrittweise zu bewältigen. Erschüttert und konfrontiert mit immer wiederkehrenden, doch unbeantwortet gebliebenen Fragen tastet sie sich an den schon einige Jahre zurückliegenden Tod ihrer Tochter heran und verknüpft die persönlichen Erinnerungen, die für sie nicht trostreich sind, sondern die das bewusst machen, "woran man sich nicht länger erinnern möchte", mit allgemeingültigen Themen wie Alter, Krankheit, Tod, Vergänglichkeit. Auch hier bleiben die Äußerungen suchend, Zweifel und Fragen fordern den Leser auf, seine eigene Befindlichkeit zu überdenken. Nicht nur das Thema des Buches, auch die sprachliche Gestaltung - treffsicherer Stil, präzise Formulierungen, Einbindung des Lesers - verlangen Einfühlungsvermögen und Offenheit. Diese schonungslose Bilanz berührt durch Ehrlichkeit, fesselt durch persönliche Nähe und überzeugt durch kluge Auseinandersetzung mit schwierigen Themen. - Für Leser/-innen, die zur eigenen Auseinandersetzung mit dem Thema bereit sind, sehr zu empfehlen!
Inge Hagen
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Blaue Stunden
Joan Didion
Ullstein (2012)
207 S.
fest geb.