Ist heute schon morgen?
Das Buch des bulgarischen Politologen Ivan Krastev ist wohl eine der ersten Auseinandersetzungen mit den tatsächlichen oder vermuteten Folgen der Covid-19-Pandemie. Krastev bezeichnet die Pandemie als "Grauen Schwan", also als ein einschneidendes
Ereignis, das vorhersehbar war und dennoch für viele überraschend eingetreten ist. Der Autor geht davon aus, dass die Veränderungen nachhaltig sein werden. Vor allem der wirtschaftliche Einbruch wird, seiner Ansicht nach, zu mehr Armut und somit zu mehr Migrationsbewegungen führen. Auch mit anderen Fragen setzt sich Krastev differenziert auseinander. Wird die Pandemie langfristig mehr Chancen für autoritäre Politiker und Populisten bieten? Wird der interventionistische Staat wieder an Akzeptanz gewinnen? Das knappe Büchlein ist eine sehr frühe Auseinandersetzung mit diesen Themen und kann deshalb nur oberflächlich auf die aufgeworfenen Fragen eingehen. Darauf weist schon der geringe Umfang des Buches hin und die Tatsache, dass die Einleitung etwa ein Drittel des Inhalts ausmacht. Trotzdem ist Krastevs Beitrag eine lesenswerte Analyse der Entwicklungen, die im Zuge der Covid19-Pandemie in allen Teilen der Welt eingesetzt haben.
Walter Brunhuber
rezensiert für den Borromäusverein.
Ist heute schon morgen?
Ivan Krastev ; aus dem Englischen von Karin Schuler
Ullstein (2020)
90 Seiten
fest geb.