Der geheimnisvolle Fremde
Im Nachlass des 1910 verstorbenen amerikanischen Autors Mark Twain fanden sich drei divergierende Textfassungen der Erzählung "The mysterious stranger". Eine davon verlegt die Handlung in einen fiktiven österreichischen Ort namens Eseldorf am Ende
des 16. Jh. Der geheimnisvolle Fremde mit Namen Satan ist ein Neffe des Teufels und tritt in einen Dialog mit drei heranwachsenden Sechszehnjährigen. Im Text wird ein düsteres Bild von der Vorbestimmtheit des menschlichen Schicksals und der Verderbtheit des Menschengeschlechts gezeichnet und die Existenz Gottes oder eines jenseitigen Lebens nach dem Tod geleugnet. Dieses provokante, erstmals 1916 publizierten Werk hat nun der avantgardistische deutsche Comic-Künstler ATAK mit mehr als 100 eigenwilligen, ausdruckstarken Zeichnungen unterlegt, die auf den ersten Blick ein wenig an die grobe bäuerliche Kunst auf den Votivtafeln alpenländischer Wallfahrtsstätten erinnern, denen zugleich aber eine die Textbotschaft stützende starke Abstraktion und Symbolik innewohnt. Künstlerisch ohne Zweifel gelungen steht das Buch konträr zum christlichen Menschenbild und Weltverständnis und bedarf, wenn es denn überhaupt für eine KÖB angeschafft wird, sicher einer begleitenden Vermittlung.
Siegfried Schmidt
rezensiert für den Borromäusverein.
Der geheimnisvolle Fremde
Mark Twain. [Ill. von Atak]
Carlsen (2012)
175 S. : überw. Ill. (farb.)
fest geb.