Auf offener Straße
Die alte Ordnung zerbröselt und die neue kommt. Was passiert mit den Menschen in Polen? In kurzen Geschichten wird das tägliche Schicksal der einzelnen Bewohner und Familien in der ulica Dluga, der Langen Straße erzählt. Schonungslos berichtet
der Roman von den Auswirkungen der Arbeitslosigkeit und Unsicherheit in den Wirren der neunziger Jahre. Exzesse aus Gewalt, Alkohol, Sex und Bigotterie beherrschen die Erzählungen. Auf die Gesichter und das Leben der Bewohner der Straße fallen grelle Schlaglichter. Doch weidet sich der Text nicht am Leid, er beschreibt nicht herzlos, sondern präzise und das macht ihn so grausam. Der Roman löste bei seinem Erscheinen in Polen 2001 sehr unterschiedliche Reaktionen aus. Die einen fanden ihn grausam, weil er die Realität ohne Weichspüler beschreibt, andere sahen in ihm den "höchst notwendigen Versuch, die Wirklichkeit zu zeigen", wie es im Klappentext heißt. Stellen Sie sich auf blutige und grausame Szenen ein. In der Erzählweise und vor dem Hintergrund der Intention des Autors, mit der "Realität" zu schockieren, dennoch ist der Roman empfehlenswert. (Übers.: Martin Pollack)
Daisy Liebau
rezensiert für den Borromäusverein.
Auf offener Straße
Daniel Odija
Zsolnay (2012)
140 S.
fest geb.