Umbruch
Der kürzlich abgetretene langjährige Theaterrezensent der FAZ hat seinen ersten Roman geschrieben. In gewohnt sprachgewaltigen Sätzen führt er durch ein Stück Politik- und Theatergeschichte. Die Großmutter hatte ihn gewarnt, sich vom Journalismus
fernzuhalten. Vergeblich, wie man weiß. Ein Theaterabend mit "Antigone" entzündet ihn. Er schaut sich von nun an regelmäßig jede Vorstellung an, bis er am Schluss mit auf die Bühne gebeten wird. Der "junge Mann" insistiert darauf, im Lokalteil der "Stadtpost" Rezensionen zu schreiben - und tut es mit Furor. Statt des üblichen wohlwollenden Zwischen-den-Zeilen-Versteckens schreibt er Verrisse und Hymnen. Er vergleicht den Journalismus mit einer Kathedrale, in der der Rezensent sein Hochamt versieht, während ihm der Chefredakteur vorschlägt, lieber über die Kölner Möbelmesse zu schreiben. So arbeitet er sich über die "Landeszeitung" zum Olymp, der "Staatszeitung", hoch. Für die Zeitungslandschaft sind es Zeiten des Umbruchs vom Blei-Maschinensatz zum Computerzeitalter und zum späteren Einbruch des Internets. Stadelmaier beschließt das Buch mit dem fulminanten Abschiedsfest des ungenannten "Feuilletonkönigs" (Joachim Fest) in der Frankfurter Villa Bonn 1993. - Ein ausgesprochener Lesespaß für anspruchsvolle (Feuilleton-)Leser/innen, der auf einen Folgeband hoffen lässt.
Karin Blank
rezensiert für den Borromäusverein.
Umbruch
Gerhard Stadelmaier
Zsolnay (2016)
221 S.
fest geb.