Was suchst du, Wolf?
Ryna, eine alkoholkranke Krankenpflegerin, kehrt in ihr Heimatdorf ins ländliche Weißrussland zurück, weil ihre Großmutter, bei der sie aufwuchs, hochbetagt verstorben ist. Mühevoll ist auch heute noch der Weg in die abgelegene Region. Die alte
Heilkundige und eher als Hexe gebrandmarkte Frau hatte noch das Ende des Zarenreichs und der k.u.k.-Monarchie erlebt, die Oktoberrevolution, Stalin, den Zweiten Weltkrieg und die deutsche Besatzung. Herrscher und ihre Gehilfen kamen und gingen, und jedes Mal litt die einfache Bevölkerung furchtbar. Ryna rekapituliert, was ihre Großmutter ihr berichtet hat, bei der Totenwache. Entfremdet von ihren Eltern durchstreift sie die Haushälfte der Großmutter und kehrt gewissermaßen mit ihr in die vergangenen Jahrzehnte zurück, wie diese die Schrecknisse jeglicher lokalen Machthaber erlebt hat, von persönlicher Bedrängnis bis zu Bedrohungen wegen ihrer Heilkenntnisse. - Der Roman kann in die Kategorie "Geschichte von unten" eingeordnet werden. Er zeigt aber auch, wie verhaftet die Menschen ihrer bescheidenen Lebensweise in den abgelegenen Sumpfgebieten zwischen Polen, Belarus und der Ukraine waren, wie sie sich wegduckend den politischen Verwerfungen stellten, die immer mit Enteignungen und Konfiskationen einhergingen. Die jeweils versprochen bessere Welt kam nie. Der Roman trägt nicht nur zum besseren Verständnis der kleinen Nation bei, vieles des Geschilderten lässt sich auf die Ukraine, aber auch das ländliche westliche Russland übertragen.
Pauline Lindner
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Was suchst du, Wolf?
Eva Viežnaviec ; aus dem Belarussischen übersetzt von Tina Wünschmann
Paul Zsolnay Verlag (2023)
141 Seiten
fest geb.