Nur nachts ist es hell
Das Mühlviertel, Linz und Wien sind die wesentlichen Schauplätze dieser Familiengeschichte. Elisabeth Brugger, nunmehr 80 Jahre alt, beschließt in einer rührseligen Stimmung, ihrer Großnichte Christina ihr Leben und das ihrer drei Brüder, Eugen
sowie die Zwillinge Carl und Gustav, zu schildern. Und es gibt viel zu erzählen. Elisabeth, die jüngste, wissbegierig und intelligent, beschließt Medizin zu studieren, was Ende des 19. Jh. auf große Widerstände stieß. Eugen wandert nach Amerika aus und Carl wird an der Front zu Italien sein widerspenstiges Verhalten gegenüber einem arroganten Offizier zum Verhängnis. Er versteckt sich im elterlichen Betrieb, der Hofmühle, im Waldviertel. Elisabeth arbeitet als Krankenschwester und heiratet nach dem Krieg Georg, einen versehrten Arzt aus reicher Familie, der ihr Studium unterstützt, bis auch sie als Ärztin arbeiten kann. Sie betreiben gemeinsam eine Praxis in Wien. Irgendwann kehrt Eugen aus den USA zurück und tauscht mit Carl die Identität. Natürlich geht das alles nicht reibungslos über die Bühne. Die Nazizeit und der Zweite Weltkrieg bringen wieder außerordentliche Belastungen für die Gemeinschaft. Nach dem Krieg will Elisabeth zurück in das elterliche Anwesen, in die Hofmühle im Waldviertel. – Erst spät wird klar, an wen die Aufzeichnungen gerichtet sind. Die Geschichte ist voller Brüche und Zeitverschiebungen, die Lektüre dadurch gelegentlich etwas anstrengend. Aber die klare, manchmal auch poetische Sprache ist eindringlich. Zum besseren Verständnis des Geschehens hilft der 2022 erschienene Roman "Über Carl reden wir morgen" (BP/mp 22/728). Dieser Roman mit vielen zeitgeschichtlichen Bezügen, auch und gerade zur Medizingeschichte, sollte weites Interesse finden und kann allen Büchereien empfohlen werden.
Erwin Wieser
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Nur nachts ist es hell
Judith W. Taschler
Paul Zsolnay Verlag (2024)
316 Seiten
fest geb.