Die Liebe kommt immer zu spät
Es sind nicht die angesagten Reiseziele, die Karl-Markus Gauß aufsucht und in seinen feinen literarischen Reportagen und Essays beschreibt. Seine Reiserouten führen ihn vielmehr an Orte historischer Brüche in Mittel- und Südosteuropa und durch
die Landschaften in den Grenzregionen, die häufig durch das multikulturelle Zusammenleben von Minderheiten geprägt wurden. Der Handschriftenlesesaal in der Nationalbibliothek von Ljubljana. Die steinerne Brücke in Mostar. Das Hotel Central und das Stadtviertel Marindvor in Sarajevo. Der Schanigarten in der Taverne in Bruck an der Mur. In seinen aktuellen Reiseberichten durch Slowenien, Bosnien und die Obersteiermark folgt Gauß den Biografien besonderer, in Westeuropa unbekannter Persönlichkeiten wie der im slowenischen Celje geborenen Schriftstellerin Alma M. Karlin oder den Spuren verdrängter Ereignisse wie dem im April 1945 durch die Waffen-SS verübten Massaker an griechischen Widerstandskämpfern am Stadtrand von Krems. Mit seinem enormen geschichtlichen Wissen und einem emphatischen Blick erkundet Gauß Orte, die als Symbole für das Vergessene oder das Übersehene stehen. Sein Interesse – und die zu spät gekommene Liebe – gilt all den Gegenden, in denen die kulturelle Vielfalt und mehrsprachige Nachbarschaften durch die Gewaltgeschichte des 20. Jh. im Namen des Nationalsozialismus oder des Kommunismus beinahe ausgelöscht wurden. Eine uneingeschränkte Leseempfehlung für alle, die ihr Reise- und Wissenshorizont erweitern wollen.
Slávka Rude-Porubská
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Die Liebe kommt immer zu spät
Karl-Markus Gauß
Paul Zsolnay Verlag (2026)
136 Seiten
fest geb.