Was wissen sie vom Freisein
1960 lebten ländliche Sizilianer in der "guten, alten" Zeit, mit einer fast noch archaisch zu nennenden Gesellschaftsordnung. Welche Zwänge dies für ein Mädchen bedeutet, das sich zur jungen Frau entwickelt, erfährt Oliva sehr deutlich. Sie muss
die Höhere Schule verlassen, darf nicht lächeln und muss die Freiheit des Kindseins hinter sich lassen. Treibende Kraft ist dabei ihre Mutter, die sich als Kalabresin erst ihre Stellung im Dorf durch Wohlverhalten verdienen musste. Ziel all dessen ist eine möglichst vorteilhafte Verheiratung. Oliva wagt es, einen Verehrer abzuweisen, der sie als Rache entführen lässt und vergewaltigt. Die "Schande" (für die Frau) kann durch eine Eheschließung getilgt werden. Die Familien wollen schon vermitteln, da wagt es Oliva, den Verehrer anzuzeigen. Ein für sie entwürdigendes Gerichtsverfahren folgt. Letztlich verlässt ihre Familie den Ort; Oliva setzt ihre Ausbildung zur Lehrerin fort. Nach 20 Jahren gibt es ein Familientreffen im Herkunftsort, wohin Oliva als Lehrerin zurückgekehrt war. Zwischenzeitlich hat Italien die Ehescheidung eingeführt und die rehabilitierende Eheschließung nach einer Vergewaltigung abgeschafft. – Die Autorin hält konsequent die Perspektive der jungen Frau durch. Umso krasser wirken die Episoden auf uns Heutige. Subtil beschreibt sie im Fortgang des Romans den Sinneswandel der Mutter, der Oliva anfangs verblüfft. Als Kontrapunkt zu Oliva angelegt ist die gleichaltrige Liliana, deren Vater, ein Kommunist, Gesprächsrunden zu gesellschaftlichen Fragen leitet. Sie erreicht auch ihr Lebensziel, Abgeordnete im Parlament zu werden. Das Buch trägt zum Verständnis gerade bei jüngeren Lesenden bei, wie kurz nur die Zeiträume sind, in denen sich Europa aus patriarchalischen Strukturen löste.
Pauline Lindner
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Was wissen sie vom Freisein
Viola Ardone ; aus dem Italienischen von Esther Hansen
C.Bertelsmann (2024)
318 Seiten
fest geb.