Verloren unter 100 Freunden
Die Professorin für Wissenschaftssoziologie, die die Geschichte der Computernutzung von der ersten Stunde an wissenschaftlich analysiert hat, schreibt im Vorwort von zwei Richtungen, die sich Mitte der 90er Jahre abzeichneten: die Entwicklung des
voll vernetzten Lebens durch mobiles Internet, und zum zweiten der Evolutionssprung in der Robotik. Teil I "Die Stunde des Roboters" zeigt anhand einer Vielzahl von Beispielen mit sozialen Robotern und mit den Ergebnissen umfangreicher Studien an hunderten Personen aus allen Altersgruppen, wie in den letzten 15 Jahren Roboter zunehmend das soziale Leben, Denken und Gefühlsleben der Menschen in den USA beeinflussen. In Teil II "Vernetzt" geht es um Menschen in den USA, die nicht mehr imstande sind, im Alltag ohne Tabletcomputer und Smartphones auszukommen, weil sie rund um die Uhr im Netz sein müssen, um zu jeder Sekunde erreichbar zu sein, bei Facebook, Twitter etc. zu posten, chatten und die Neuigkeiten ihrer unzähligen Internet-Freunde zu lesen, oder als Avatar in Online-Games in ein virtuelles Leben einzutauchen. Die Autorin gelangt dabei zu der Erkenntnis, dass für diese Leute Computer nicht "Diener" ihres Alltags sind, sondern umgekehrt diese zu den Herren geworden sind, und sie benennt dafür auch psychologische Gründe. Soziale Beziehungen erscheinen den jungen Menschen zunehmend kompliziert und verletzend, weshalb sie sich nach Gemeinschaft ohne Risiko und Nähe mit Sicherheitsabstand sehnen. - Die renommierte Autorin, die durchaus zugibt, dass es heute ohne Netz nicht mehr geht, legt fundiert dar, wie viele "voll Vernetzte" in der digitalen Welt seelisch verkümmern, und warnt eindringlich vor unvernünftigem Umgang mit den neuen Medien. Das äußerst detailreiche Buch regt zum Nachdenken über ein Thema an, das mit dem Smartphone-Boom auch bei uns aktuell wird, und ist deshalb allen Büchereien sehr empfohlen!
Günther Freund
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Verloren unter 100 Freunden
Sherry Turkle
Riemann (2012)
569 S.
fest geb.