Das neue Gesicht der Kirche
Verheiratete Priester, mehr Mitbestimmung für die Laien, weitere Schritte in der Ökumene - das sind Themen, die vielen Katholiken in Deutschland auf den Nägeln brennen. Sind es auch die Themen der Zukunft? Folgt man John L. Allen, Vatikan-Korrespondent
des angesehenen US-Magazins National Catholic Observer, spielen diese Themen in den nächsten Jahrzehnten nur eine untergeordnete Rolle für die Katholische Kirche. Die wichtigen Trends sind andere, zehn davon stellt er in diesem Buch vor. Der erste und grundlegendste: Der Katholizismus wird sich in den nächsten Jahren von seiner europäischen Prägung lösen und mehr und mehr zu einem Weltkatholizismus entwickeln. Dabei wird er konservativer werden, gleichzeitig aber wird er in wirtschaftlichen und politischen Fragen eher Positionen vertreten, die heute als "Links" gelten - beides eine Folge des wachsenden Einflusses der Katholiken aus Afrika und Südamerika. Allen bezeichnet diesen Trend als "evangelikalen Katholizismus". Weitere Trends: Dialog mit dem Islam, eine neue Demografie, die biotechnische Revolution, die Globalisierung und die Pfingstbewegungen. So neutral und undogmatisch wie möglich beschreibt Allen das, was sich seiner Ansicht nach für das 21. Jh. abzeichnet. Er beweist damit einen Weitblick, den man im deutschen Kirchenjournalismus vermisst. Das 21. Jh. werde von den Katholiken Mut verlangen, fasst Allen zusammen, "global katholisch zu sein, also die Kirchturmperspektive einer bestimmten Sprache, ethnischen Zugehörigkeit, geografischen Region oder Ideologie aufzugeben und sich zur Mitgliedschaft in einer wirklich 'katholischen' Kirche zu bekennen." Dazu ist eine ganze Menge Bewusstseinsbildung nötig - mit der Lektüre dieses Buches wäre ein Anfang gemacht. (Religiöses Buch des Monats Juni 2011)
Christoph Holzapfel
rezensiert für den Borromäusverein.
Das neue Gesicht der Kirche
John L. Allen
Gütersloher Verl.-Haus (2010)
494 S.
fest geb.
Auszeichnung: Religiöses Buch des Monats