Verlassene Nester
Ich-Erzählerin Pilly erlebt den Sommer kurz nach der Wiedervereinigung im ehemaligen Elbe-Grenzgebiet. Sie ist dreizehn und möchte dazugehören. Mit Katja und Bine spielt sie „Familie“ in den Kanalröhren, immerhin darf sie der Hund sein, der
von Katja gekrault wird. Sie vermisst ihre Mutter, von der es heißt, sie habe „rübergemacht“, ihr Vater trinkt seitdem. In schnapsfreien Momenten befürchtet er, es habe mit seinen Berichten über sie an die Stasi zu tun gehabt. Am Stammtisch ist man sich einig, dass mit der Mauer alles gefallen war, wofür das Land gestanden hatte. Im Ort wollte sich niemand an der Grenze „Mitleidsgeld“ abholen. Und ihre Laubengärtchen gab es auch nicht mehr, dort bauten jetzt die gekündigten Vietnamesen ihr Gemüse an. Nur Pillys Tante Katharina, die mit Eli in ihrem „Hexengarten“ selbstgeräucherten Fisch verkauft, sieht die Dinge differenzierter. – Patricia Hempel (Jg. 1983) schildert in ihrem Roman anschaulich die Befindlichkeiten der Menschen, die sich in der DDR eingerichtet hatten und deren Leben mit der Öffnung aus der Bahn geworfen worden war – ein Augenöffner für verständnislose "Wessis". Für Pilly ist es ein Sommer des Erwachsenwerdens. Sehr gerne empfohlen.
Karin Blank
rezensiert für den Borromäusverein.
Verlassene Nester
Patricia Hempel
Tropen (2024)
295 Seiten
fest geb.