Das Paradies

Als die Mauer 1989 fällt und vierzig Jahre DDR der Geschichte angehören, ist Andrea Hünniger fünf Jahre alt. Sie lebt mit ihrer Familie in einem Plattenbau in Weimar und wächst in einer Atmosphäre der Unsicherheit und Ungewissheit auf. In neun Das Paradies Kapiteln erzählt sie von den Eindrücken und Erlebnissen ihrer Kindheit und Jugend. Als einmal kurz nach der Wende ein gigantischer Supermarkt in ihrem Plattenbauviertel eröffnet wird, verirrt sie sich mit ihrer überforderten Mutter im Labyrinth der endlosen Regale. Die Mutter wird sich bald im Arbeitsamt wiederfinden. Die einzigen Stellen, die zu vergeben sind, sind ABM-Stellen. Der Vater war Parteimitglied in der SED und versteht nicht, warum auf einmal alles falsch sein soll. Mit Hingabe schaut er alte DEFA-Filme und versinkt in der Vergangenheit. Die Autorin wächst, wie fast alle Kinder nach der Wende, bei desillusionierten und ernüchterten Eltern auf. Statt herzlich willkommen geheißen zu werden, stoßen sie auf Ablehnung ihrer westdeutschen Mitbürger. Sie müssen sich Fragen nach Schuld gefallen und einen Vergleich ihres politischen Systems mit dem der Nazi-Diktatur über sich ergehen lassen. Auf die Autorin und auch auf andere Kinder färbt die Hoffnungslosigkeit ab: Die Kinder der Plattenbausiedlung ziehen sich ins "Paradies", eine Kleingartensiedlung, zurück und probieren zahlreiche Drogen aus. Andrea Hünniger wird in der Schule auffällig und macht zudem Psychiatrieerfahrungen. Dass sie Abitur und Studium nach solchen Erfahrungen erfolgreich absolviert, scheint erstaunlich. Sie erzählt sehr nüchtern und analysiert, was sie erlebt hat. Klar und deutlich spricht sie aus, dass sie die deutsche Einheit als eine Brandrodung erlebt hat. Sehr interessant und empfehlenswert.

Birgit Fromme

Birgit Fromme

rezensiert für den Borromäusverein.

Das Paradies

Das Paradies

Andrea Hanna Hünniger
Tropen (2011)

216 S.
fest geb.

MedienNr.: 570644
ISBN 978-3-608-50305-0
9783608503050
ca. 17,95 € Preis ohne Gewähr
Systematik: Bi
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