Eine Liebe in der Steppe
Man kann sich in seinen Hut verlieben. Oder in die kalten Pflaumen im Kühlschrank. Das ist alles schon in Psychologie (Oliver Sacks) und Literatur (W.C. Williams) da gewesen. Aber dass ein Mann, ein Paläontologe, sich in eine Betonkapelle verliebt,
ist schon ein Stück für sich. Ein starkes: meinte die Jury in Klagenfurt, die dem Autor im Sommer 2017 Objektbesessenheit und Hyperpathos vorhielt. Stimmt das? Ja, denn auf der einen Seite ist die Geschichte abstrus. Der Held namens Gregor entdeckt in einem der versteppenden ehemaligen Braunkohlegebiete im Osten Deutschlands eine evangelische Kapelle, "Maria Magdalena", genannt Madeleine (was etwas prousthaft-kitschig wirkt), beginnt in ihr ein neues Leben, schläft dort, verwächst mit dem Gebäude zu einer mystischen Einheit. Man kann aber diese Story auch gegen den Strich lesen, zum Beispiel wenn man seine Begegnungen mit dem Pfarrer, mit einer Rotte heidnischer Naturverehrer und der Museumspädagogin Judith nimmt. Dann verwandelt sich die Novelle in ein melancholisches Lehrstück von der Gewalt der Dinge über den Menschen. Sie prägen und verändern ihn, sie sind "Kulturfolger", wie es Judith einmal sagt, die Breschen bewohnend, die wir in die globalisierte Moderne schlagen. Was haben uns die Dinge zu sagen, die heiligen und die weltlichen, und wie sollen wir mit ihnen umgehen: zwischen Abrissbirne, Vitrine und blindem Gebrauch? Eine sonderbare, gerade in ihrer Schrägheit nachdenkliche Geschichte.
Michael Braun
rezensiert für den Borromäusverein.
Eine Liebe in der Steppe
Jörg-Uwe Albig
Klett-Cotta (2017)
175 S.
fest geb.