Hase und ich
Die Autorin, als Politik-Beraterin im britischen Parlament und international unterwegs, verbringt das erste Corona-Jahr eher unfreiwillig ruhiggestellt in ihrer einsamen, zum Ferienhaus umgebauten Scheune "inmitten von weitem Ackerland". Dort findet
sie auf einem ihrer winterlichen Spaziergänge ein winziges Hasenjunges, das sie aufnimmt – und gegen alle Prognosen und eigene Zweifel setzt sie nunmehr alles daran, das nur 100 g leichte, zerbrechliche kleine Wesen aufzuziehen und dann der Wildnis zurückzugeben. Von Anfang an respektiert sie das Häschen als eigenständiges Geschöpf, das sie noch nicht einmal durch einen Namen an sich binden will, lässt ihm völlige Freiheit im und außerhalb von Haus und Grund. Staunend und ehrfürchtig beobachtet und beschreibt sie das Erlebnis, dass ein vom Menschen nie domestiziertes Wildtier sein Leben ihr anvertraut, immer wiederkommt und sogar später seine Jungen bei ihr großzieht. Eigene detaillierte Beschreibungen, wie das Häschen sich entwickelt, wechseln mit Fundstücken aus Sach-, Jagd- und Kochbüchern, Lyrik, Mythen, Kunst und Geschichte. Mit der Sorge um das Überleben dieses und der anderen Wildtiere in einer agrarindustriellen Umwelt werden ihr die Gefahren ganz anders bewusst, so auch die von Mähdreschern zerstückelten (Jung-)Tiere allgegenwärtig. Die Erlebnisse mit Hase beeinflussen und verändern das Leben der Autorin grundlegend. Über zwei Jahre "hatte ich zum ersten Mal in meinem Leben einen guten Grund, mich anstatt mit Menschen mit Tieren zu befassen. Und ich erkannte, dass uns nichts genommen wird, wenn wir Raum für sie schaffen. Eine Koexistenz mit ihnen verleiht unserem eigenen Dasein mehr Intensität, vielleicht sogar mehr Größe". Ein wunderbares Buch, nicht nur für Naturliebhaber. Überall einsetzbar, ein immer aktuelle(re)s Thema.
Elisabeth Bachthaler
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Hase und ich
Chloe Dalton ; übersetzt aus dem Englischen von Claudia Amor
Klett-Cotta (2025)
298 Seiten : Illustrationen
fest geb.