Sehr geehrte Frau Ministerin
Eva Paternak arbeitet in einem Kräuterduftladen in schlechter Lage in Essen. Der Kontakt zu ihrem redefaulen Sohn Philipp, einem Hikikomori, der mit über zwanzig noch in seinem Jugendzimmer lebt, beschränkt sich darauf, dass sie für alles bezahlt
und ihm hinterherräumt. In ihrem Laden fällt ihr eine Frau mit einer roten Mütze auf, die ab und zu etwas kauft. Eva fühlt sich von ihr beobachtet. – Im zweiten Kapitel wechselt die Perspektive abrupt: „O.K., die Frau mit der roten Mütze bin ich“ (S. 121)“. Silke Aschauer, die Studienrätin, hat tatsächlich damit begonnen, über Eva zu schreiben. Damit beginnt eine Meta-Ebene des Romans, und ein Diskurs über das Ich und eine Autorfiktion. Silke ist Lateinlehrerin, und damit erklären sich nun auch die dazwischengeschalteten Passagen über Kaiser Nero und seine Mutter Agrippina, die schon als Romaneinstieg dienten – und den Leser:innen ein Rätsel aufgaben. Als vierte Ebene kommt noch die Justizministerin ins Spiel, auf die später eine Messerattacke verübt werden wird. – Ursula Krechels Roman ist nicht handlungsorientiert. Es geht um problematische Mutter-Sohn-Beziehungen, um Vorgänge in Frauenkörpern, auch um Gewalt. Der Roman steht auf der SWR-Bestenliste Februar und eignet sich für eine Leserschaft mit Interesse an Feuilleton-Literatur.
Karin Blank
rezensiert für den Borromäusverein.
Sehr geehrte Frau Ministerin
Ursula Krechel
Klett-Cotta (2025)
360 Seiten
fest geb.